29. Juli 2021

In der Arena stehen

Ich erinnere mich an die erste Begegnung mit Inga. Nach einem Vortrag vor Führungskräften eines mittelständigen Unternehmens über die unterschiedlichen Verhaltensweisen der Mitarbeitenden, spricht sie mich an. Sie ist Leiterin eines Teams von fünf Mitarbeiter*innen. 

„Sie können mir vielleicht helfen?“ In Umrissen erklärt sie mir ihr Problem. Ständig flutschen ihr Aufgaben durch. Sie schläft sehr schlecht, kommt nachts nicht zur Ruhe. Ihr Umfeld zweifelt an ihrer Zuverlässigkeit. „Dabei bin ich doch für alle jederzeit ansprechbar. Oft verstricke ich mich in zu viele Aufgaben und verliere den Überblick. Vielleicht sollte ich mich besser organisieren – habe schon Anläufe gemacht, aber …“

Nach einem kurzen Gedankenaustausch erläutere ich ihr meine Vorgehensweise. Wir vereinbaren für einen der nächsten Tage einen Termin. Meine Bitte an sie: „Nicht aufräumen … auch nicht den Schreibtisch. Damit ich mir ein Bild Ihrer Arbeitsweise und die Abläufe machen kann“. 

Mir ist wichtig, Menschen in Veränderungsprozessen emotional zu berühren. Ihnen Raum für Reflexion zu geben, damit Veränderung und Wachstum   möglich werden. Mein Ansatz ist kreativ und humorvoll. Gleichzeitig zielorientiert und pragmatisch. Vor allem nutze ich meine langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Menschen.

Pünktlich um 9:30 betrete ich Ingas Büro. Ein Rundumblick und mir ist klar was ihr Problem ist. Arbeitsplatz: Chaotisch. Zettelwirtschaft. Drei unterschiedlich hohe Papierstapel auf dem Schreibtisch. Auf dem Sideboard verschieden farbige Stapelkästen. Diverse Unterlagen liegen vor ihr, die sie offensichtlich gerade bearbeitet. Ach ja, und Fotos ihrer Familie erkenne ich. 

Sie macht uns einen Kaffee und beginnt sofort zu erzählen. Inga ist 37 Jahre alt. Eine lockenköpfige Frohnatur, stets freundlich und ihr Glas ist immer halbvoll. Inga hat alles im Kopf. Handelt aus dem Bauch heraus. Notizen machen oder detailliert planen, das ist nichts für sie. Ist zu aufwendig und kostet Zeit. Die sie nicht hat, wie sie ausdrücklich betont. 

Sie ist kreativ, hat laufend neue Ideen, neue Projekte – im Kopf. Auch nach Feierabend findet sie keine Ruhe. Jeden Abend fühlt sie sich ausgelaugt und müde. Kann nicht einschlafen. Gefühlt dauert es Stunden bis sie zur Ruhe kommt. Und wenn sie endlich schläft, ist der Schlaf nicht erholsam. Sie wird häufig wach. Ihre Gedanken Kreisen unaufhörlich im Kopf. Sie hat Angst etwas zu vergessen. Was ist morgen früh als erstes zu erledigen? Welche Meetings stehen an? Sie wälzt sich von einer Seite auf die andere. Endlich fällt sie in einen unruhigen Schlaf. 

Ingas Verhaltenstendenz hat einen hohen initiativen Anteil. Initiative, Menschenorientiert geprägte Menschen schreiben nicht gern. Sie lassen sich leicht ablenken. Routineaufgaben schenken sie wenig Aufmerksamkeit. 

 

Inga gesteht mir: „Ich weiß: Manchmal rede ich zu viel. Gern knüpfe ich Kontakte, mag nicht allein sein. Und versuche, zu viel auf einmal zu tun. Zeitplanung ist nicht so mein Ding.“ Eine klare Struktur und einen eintönigen Ablauf mag sie nicht. 

Wenn jedoch das eigene Verhalten die Gesundheit massiv beeinträchtigt, und das ist bei Inga eindeutig der Fall, wird es Zeit zu handeln. In ihrem Fall bin ich mir sicher, dass sie eine realistische Chance hat, ihre Schlaflosigkeit ohne Medikamente zu besiegen. Und ihr Wohlbefinden und Lebenslust wieder Oberhand gewinnt. Wenn sie sich an paar Regeln hält, die wir gemeinsam erarbeiten.  

Sie sollte anfangen, ihre ARENA zu vergrößern. Um ihre vorhandenen Potenziale besser zu nutzen. Was heißt das? 

Am Anfang unseres Gespräches sagte Inga: Ihr Umfeld zweifelt an ihrer Zuverlässigkeit. Ist es ein Gefühl oder äußert sich das Umfeld tatsächlich so ihr gegenüber?

Hat das Umfeld wirklich gesagt Inga ist nicht zuverlässig? Und wie sieht sie es selber?

Selbst-/ Fremdwahrnehmung sind zwei Seiten einer Medaille. Was bedeutet das? Mit Hilfe des Jahori-Fensters werden die Ebenen der Selbsterkenntnis und der Erkenntnis anderer – einer Gruppe – deutlich. Das Verständnis über die vier Felder ist wichtig, um zu verstehen, warum Konflikte im Zusammenleben entstehen.

Ich stehe in der ARENA, bin öffentlich im Schaufenster sichtbar. Die anderen beobachten mich und bilden sich ihr Urteil. Ich habe über mich und mein Verhalten auch ein Bild. In aller Regel verhalten sich Menschen so wie sie meine, das andere sich sehen sollen.

Im Feld der MASKE gebe ich nicht alles von mir Preis. Mein Umfeld weiß nicht alles über mich. „Persönliche Informationen gehen meinen Kollegen*innen nichts an“. Spannend ist die Aussage: „Privat verhalte ich mich ganz anders als beruflich!“  

Komisch, zwischen acht und zehn Stunden sind wir beruflich beschäftigt. Addieren wir zu dieser Zeit unsere Schlafenszeit von sieben bis acht Stunden hinzu, bleibt Zeit, in der wir so sein können wie wir wirklich sind. Etwa sechs bis acht Stunden! Das ist weniger als wir schlafen oder arbeiten. 

Je länger wir die Maske aufbehalten, desto kritischer kann es für uns gesundheitlich werden. 

Aus meiner täglichen Praxis weiß ich: Stresssymthome sind die Folge. Zu den charakteristischen Stresssymptomen zählen unter anderem: Erhöhter Blutdruck, Verspannungen, besonders im Bereich von Nacken, Schultern und Rücken. Kopf- und Rückenschmerzen können auftreten. 

Mit dem Thema „Stress“ beschäftigen wir uns ausführlich in einem der nächsten Blog-Beiträge.

Unser blinder Fleck: Das sind Dinge, die andere über mich wissen, weil sie sie an mir beobachten, die mir aber nicht bewusst sind. Um herauszufinden wo unsere blinder Fleck liegt, müssen wir uns Feedback von unserem Umfeld holen. Häufig sind wir so mit uns selbst beschäftigt, dass uns gar nicht bewusst ist, wie wir auf andere wirken. Bekommen wir kein ehrliches Feedback, wird unser blinder Fleck immer größer. Da es sich um vier einzelne Quadrate in einem Quadrat handelt, werden die anderen Quadrate automatisch kleiner. 

Nicht ausgeschöpfte Potenziale. Das sind die Verhaltensweisen, die weder mir noch Anderen bekannt sind. Vielleicht war ich noch nie in einer Situation, in der ich eine entsprechende Verhaltensweise nicht zeigen konnte oder musste.

Genug mit dem theoretischen Ausflug. Zurück zu Inga und ihrem initiativen Verhalten. Eine Änderung ist im Prinzip relativ einfach. Prioritäten und feste Termine setzen. Oder ist eine Verhaltensänderung doch nicht so einfach? 

 Eine persönliche Weiterentwicklung und Veränderung ist ihr möglich, indem sie einen neuen Blickwinkel zulässt.

Einer der ersten Schritte mit meinen Hinweisen: ihren Tagesablauf schriftlich planen. Dazu gehört, Aufgaben mit Prioritäten zu versehen – die Dauer der einzelnen Arbeiten zu bestimmen und die Aufgaben konsequent abzuarbeiten. Klare Strukturen schaffen und schriftlich arbeiten.

Schriftlich heißt, ein DIN A 4 Notizbuch! Das analoge Notizbuch ist aus der Mode? Weit gefehlt. Ein Notizbuch, in Handschrift geschrieben, um wichtige Tätigkeiten für den kommenden Tag, die nächsten Tage oder Wochen zu notieren. Notizen helfen auch dabei, wiederkehrende Gedanken aus dem Kopf zu verbannen. Das Notizbuch verhindert Zettelwirtschaft!

Jede einzelne zu bearbeitende Unterlage hat sie in die Hand genommen, aufgelistet, geschätzt, wieviel Zeit sie für die Bearbeitung benötigen wird.  Schnell ist ihr klar: „Das kann ich an einem Tag doch gar nicht schaffen ….“ Nächster Schritt: Die Aufgaben mit Prioritäten versehen … Erstens, zweitens, drittens, und sofort … Was ist heute, morgen oder übermorgen zu erledigen, was hat eine nicht so hohe Priorität, welches Projekt  muss unbedingt bis zum Ende der Woche abgeschlossen sein.

Inga hat verstanden, ihren Tag zu planen. Die Termine mit sich selbst – die Zeit in der sie ihre Aufgaben erledigen will – haben wir in den elektronischen Kalender geschrieben. Inga ist mit sich zufrieden und sagt: „Das mit dem notieren meiner Aufgaben und was mir an Ideen in den Kopf fliegt, ziehe ich jetzt konsequent durch. 

Abwarten, denke ich bei mir. Ich kenne ja meine Pappenheimer. Wie bereits erwähnt, ist Inga jemand die sich gern mit Menschen umgibt. Sie braucht Möglichkeiten um Spaß zu haben und die Gefühle anderer zu verstehen, in Bewegung ist und Dinge tut, bei denen Zeit und Mühe keine Rolle spielen.

Eine Woche später sitze ich ihr wieder gegenüber. Auf ihrem Schreibtisch stapeln sich die Vorgänge. Wie vermutet. Ausdrucke mit Kundendaten und Angebotskalkulationen bilde kleine Türmchen. Die Postablage quillt über.

„Also, ständig kam was dazwischen. Telefon, E-Mails, ständig steht ein* Mitarbeiter*in vor meinem Schreibtisch. Bin nicht dazu gekommen, die Terminlisten zu führen …“ Ein bisschen verzweifelt und kleinlaut klingt sie. Mit erholsamen Schlaf klappt es nicht. Das erkenne ich an ihren umrandeten Augen.

Inga hat verstanden, ihren Tag zu planen. Die Termine mit sich selbst – die Zeit in der sie ihre Aufgaben erledigen will – haben wir in den elektronischen Kalender geschrieben. Inga ist mit sich zufrieden und sagt: „Das mit dem notieren meiner Aufgaben und was mir an Ideen in den Kopf fliegt, ziehe ich jetzt konsequent durch. 

Abwarten, denke ich bei mir. Ich kenne ja meine Pappenheimer. Wie bereits erwähnt, ist Inga jemand die sich gern mit Menschen umgibt. Sie braucht Möglichkeiten um Spaß zu haben und die Gefühle anderer zu verstehen, in Bewegung ist und Dinge tut, bei denen Zeit und Mühe keine Rolle spielen.

Eine Woche später sitze ich ihr wieder gegenüber. Auf ihrem Schreibtisch stapeln sich die Vorgänge. Wie vermutet. Ausdrucke mit Kundendaten und Angebotskalkulationen bilde kleine Türmchen. Die Postablage quillt über.

Nach wenigen Sekunden huscht wieder ihr freundliches, charmantes Lächeln übers Gesicht. Offensichtlich ist sie froh, wenn ich sie dabei unterstütze, Ordnung in ihr Chaos zu bringen. Schreibtisch aufräumen. Ablagekörbe ausmisten. Einen Tagesplan erstellen. Struktur in den Arbeitsalltag bringen. Mir geht es um ihre innere und äußere Ordnung. 

Erneut wurden die anstehenden Aktivitäten notiert und Prioritäten festgelegt. Termine im elektronischen Kalender eingetragen. Die Unterlagen so organisiert, dass ein schneller Zugriff möglich ist. Wenn beispielsweise ein Kunde anruft und um Auskunft zum Angebot bittet.

Nach etwa zwei Stunden verlasse ich Inga mit einem guten Gefühl. Ihre Probleme und die Konsequenzen daraus wurden präzise benannt. Ich habe sie ermutigt, sich auf ein Thema zu konzentrieren. Sie wird experimentieren, ob die besprochenen Maßnahmen zu ihr passen. Gewisse Regeln sollte sie jedoch einhalten. Dann hat sie einen persönlichen Nutzen aus diesen Veränderungsprozess.

Wir haben vereinbart, dass ich sie in unregelmäßigen Abständen besuchen. Fasse nach, ob sie noch in der Spur ist. Ob sie Prioritäten setzt und aus der Verzettelung heraus kommt. Hält sie die vereinbarten Ziele ein. 

Veränderung ist möglich, indem wir uns hinterfragen, uns bewusst machen, wo wir stehen und wohin wir wollen.

Generell kann Veränderung durch einen oder mehrere Faktoren angestoßen werden. Das Beispiel der Initiativen Inga macht deutlich, dass es jederzeit möglich ist, sein Verhalten situativ anzupassen. Aber es ist immer mit dem Willen, es auch für sich umzusetzen, verbunden. Ein halbes Jahr später sind Ingas Augen wacher, sie kann Nachts wieder durchschlafen und stolz zeigt sie mir ihre Tageslisten – sauber in einem Ordner abgeheftet.

Willst Du mehr über das Karussell der Charakter erfahren, komm immer mal wieder auf meiner Seite vorbei. Ich helfe Dir zu verstehen, wie einmalig jeder ist, wie du schnell erkennst, wie jemand tickt und wie Du an Deinen Stärken arbeitest.

Ich wünsche Dir einen tollen Tag.

Thorsten Uebler