4. August 2021

Wie Stefanie das „Nein“–Sagen lernt

Stephanie sitzt am Küchentisch und plant schriftlich ihren Einkauf fürs Wochenende und die kommende Woche. Systematisch geht sie vor: Welche Vorräte müssen aufgefüllt werden? Sie prüft im Kühlschrank und Vorratsschrank. Welche Gewürze werden für den Eintopf benötigt? 

In diesem Moment denke ich an meine Oma: Einen Kühlschrank gab es nicht – dafür hatte sie eine geräumige Speisekammer. Wie sich die Zeiten ändern.

Gleich nach Feierabend fährt sie auf dem Weg nach Hause auf den Parkplatz des Supermarktes. Es ist immer der gleiche Weg. Immer der gleiche Supermarkt. Wenn es geht immer die gleiche Reihe, in der sie parkt. Einkaufswagen schnappen – und los. Im Prinzip sind es immer dieselben Regalreihen, die sie gezielt ansteuert. Sie kennt sich aus. Sie weiß genau, wo sie welche Artikel findet. Darum schreibt sie auch den Einkaufszettel in der richtigen „Gehreihenfolge“. Seit vielen Jahren ist sie Stammkundin.

Stefanie kauft eigentlich immer die gleichen Artikel: Obst, Gemüse, Milchprodukte, Schlachter und so weiter. Eigentlich probiert sich kein neues Produkt aus. Nur wenn sie das schon bei einer Freundin erobert hat. Die auf ihrem Einkaufszettel notierten Positionen streicht sie jeweils durch, wenn sie in den Wagen gelegt sind. Jedes Mal ärgert sie sich über das viele Plastik, die Plastikschalen mit den Himbeeren, Blaubeeren und so 

weiter … „das muss doch nicht sein“ murmelt sie leise in sich hinein. 

Vor einige Zeit wurde das Geschäft modernisiert. Eine neue Ladeneinrichtung war fällig. Oh je, das hat sie doch nach der Neueröffnung leicht irritiert. Sie brauchte einige Zeit um sich mit der neuen Anordnung zurecht zu finden. Aber sie hat ihren Einkaufszettel entsprechend angepasst. Hoffentlich gibt es so schnell keine neue Veränderung.

Ihr Einkaufszettel ist abgearbeitet. Jetzt Richtung Kasse. An Kasse 3 ist nur eine Dame vor ihr, die ist noch dabei Ihren Einkauf aufs Laufband zu legen. Plötzlich kommt ein junger Mann von hinten und will sich an Stefanie vorbei drängeln. „Lassen mich mal kurz vorbei! Ich habe nur drei Teile – hab keine Zeit!“. Das ist der Moment, wo Stefanie das „Nein“-Sagen trainiert. Sie dreht sich zu dem jungen Mann um und sagt selbstsicher: „Nein! Tut mir Leid“, wendet sich dem Laufband zu und legt die letzten Teile aufs Band. 

Warum ist genau das der richtige Moment, um das NEIN-Sagen zu trainieren. Welcher Verhaltenstyp würde fragen, ob er vorbei darf? Ein extrovertierter oder ein introvertierter? Nur der Extrovertierte stellt überhaupt so eine Frage. Und in diesem Fall ist es ein Mensch mit dominanten Verhaltensstil. Und wie reagiert er?

Verdattert geht er ein paar Schritte zurück. Schaut, ob er in einer anderen Reihe mehr Glück haben könnte. Denn sein einziges Ziel ist es, schnell zu bezahlen und wieder los.

Ein paar Tage vor diesem Ereignis haben Stefanie und ich uns erneut getroffen. Die gemeinsame Auswertung des Persönlichkeitsprofils brachte Ihre Verhaltenstendenzen an den Tag. Während unseres ersten Treffens hatte Stefanie mir von ihren Schwächen berichtet. Sie neigt dazu, ihre eigenen Fähigkeiten zu unterschätzen und herunterzuspielen.

Ihr Grundverhalten ist durch Geben und Unterstützen gekennzeichnet.

Anhand einiger Beispiele aus ihrem täglichen Umgang mit Kollegen im Beruf – aber auch in ihrem privaten Umfeld, wurde deutlich, dass sie zu nachsichtig und tolerant ist. Ihre eigenen Wünsche stellt sie zu sehr zurück. In ihrem Umfeld ist sie geschätzt für die Geduld, Beständigkeit und Großzügigkeit. Vertrauenswürdig! Ein weiteres Merkmal ihrer Persönlichkeit. Sie verfügt über starke persönliche Überzeugungen.

Zusammengefasst bedeuten diese persönlichen „Stärken“ ihres Verhaltens gegenüber ihren Mitmenschen, dass sie sich nicht abgrenzt. Heißt: „Sie sollten lernen „NEIN“ zu sagen.“ Ungläubig schaut sie mich an.

Gemeinsam sind wir Schritt für Schritt die individuelle Auswertung des persolog® Persönlichkeits-Modells durchgegangen. Wir betrachten das menschliche Verhalten aus zwei Perspektiven, die eng mit der Wahrnehmung verbunden sind. Auf den Punkt bringen lassen sich diese Perspektiven mit den Fragen: „Wie nehmen Sie Ihr Umfeld wahr?“; Wie reagieren Sie auf Ihr Umfeld?“

Stefanie ist mit einer hohen Stetigen-Verhaltenstendenz zu charakterisieren. Sie legt Wert darauf, dass andere entspannt und freundlich sind. Sie legt Wert auf Menschen, die sich kooperativ verhalten und Wertschätzung zeigen.

Von ihrer Grundhaltung ist sie menschenorientiert und introvertiert. „Stetige“ sind absolute Harmoniemenschen! Einen Streit gehen sie lieber aus dem Weg. Es fällt ihnen sehr schwer „Nein!“ zu sagen. Werden sie um Hilfe gebeten, können sie sie nicht ablehnen. Auch wenn ihr eigenes Tages-Konzept durcheinander gerät. Und sie mögen keine Veränderung.

Und wie kann das Nein-Sagen problemlos geübt werden? An der Kasse im Supermarkt.

Stefanie hat ihren ganzen Mut zusammengenommen, um den Drängler in seine Schranken zu weisen.

Je besser wir uns selbst verstehen, desto wirksamer können wir handeln und verfolgen konsequent unsere eigenen Ziele. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Trainings: zu erkennen, wie sich die anderen verhalten. Stefanie hat situativ ihr eigenes Grundverhalten der Verhaltenstendenz des Dränglers angepasst. Ihre Überzeugung, allen gegenüber nett sein zu müssen – ihr innerer Antreiber: „Mach es allen recht!“ – In dem Moment an der Kasse schaltet sie auf ihre Absicht „NEIN!“ zu sagen. Schnell hat sie erkannt: Der Drängler hat eine hohe dominante Verhaltenstendenz. Sein Bedürfnis: „Ich will mein Ziel möglichst schnell erreichen“.

Dir sollte immer bewusst sein:

„In meiner Persönlichkeit bin ich einzigartig!“. Daraus folgt: Jeder andere ist ebenfalls einzigartig. Und das macht es uns so schwer. Wie einfach wäre es doch, wenn alle so wären wie ich. Aber eintönig und total langweilig. Den einzelnen bringt es in der persönlichen Entwicklung nicht weiter. 

Wenn wir das Grunderhalten unserer Mitmenschen erkennen und unser eigenes Verhalten anpassen, entsteht gegenseitiges Verständnis. Konflikte werden lösbar oder entstehen gar nicht erst. Der Erfolg des Zusammenlebens nimmt zu.

Während unserer vorläufig letzten Sitzung plaudern wir unter anderem über das familiäre Zusammenleben. Speziell zum Thema Nein-Sagen erzählt Stefanie von ihrer 10-jährigen Tochter. Sie schildert eine typische Situation, wie sie in vielen Familien an der Tagesordnung ist. Originalton Stefanie:

„Nein“, sage ich. Beim Frühstück bearbeitet meine Tochter mich und bekniet mich, ihr das kostenpflichtige Herunterladen einer neuen Spiele-App zu erlauben. „Ach, komm schon!“ – sie drängelt weiter – „Das Spiel ist megaangesagt. Es ist wirklich kein Ego-Shooter – eigentlich so was wie ein Strategiespiel.“ Skeptisch schau ich sie an. „Och, Bitte. Wie steh‘ ich denn da? Ich will mit meinen Freundinnen übers Internet mitspielen. Die schließen mich sonst aus. Das ist echt ein soziales Spiel, weißt du.“ 

Tief atme ich aus, meine Schultern sinken. Mein Widerstand bricht zusammen. Mir ist es einfach zu anstrengend, dagegen zu halten. Das Gefühl, eine Rabenmutter zu sein, wenn ich weiter hart bleibe, wäre sehr unangenehm (für mich!). Also murmel ich: „Gut, von mir aus …“ Wohl wissend, es war falsch, nachzugeben.

Wer bin ich – wer ist der andere?

Verhalten ist beobachtbar: Stefanies Verhalten im Supermarkt ist leicht zu beobachten. Gut strukturiert geht sie keine unnötigen Wege. Um sich Veränderungen anzupassen, braucht sie eine gewisse Zeit. Beispielsweise wenn die gewohnten Wege plötzlich anders verlaufen.

Verhalten ist situativ: Stefanie hat bei dem NEIN-Sagen ihr Verhalten situativ geändert. Normalerweis hat sie Angst, jemanden zu verletzen oder nicht gemocht zu werden. In der konkreten Situation hat sie ihr Verhalten an das des jungen Mannes angepasst.

Verhalten ist flexibel: Das Gespräch mit ihrer Tochter macht es deutlich: Sie möchte am Samstag im Kreis der Familie in Ruhe ihr Frühstück genießen. Nicht darüber diskutieren, wie wichtig – oder auch nicht, ein Computerspiel ist. Damit sie ihre Ruhe hat und kein schlechtes Gewissen bekommt, sagt sie JA! Ob bewusst oder unbewusst spielt hierbei keine Rolle.

Verhalten ist dynamisch: Zur Flexibilität gehört auch immer eine gewisse Dynamik. In der Situation mit ihrer Tochter hat Stefanie auch dynamisch reagiert. Sie will ihre Ruhe haben.

Verhalten basiert auf Gedanken und Überzeugungen: Stefanie lässt sich durch die Aussage ihrer Tochter „…. dann Grenzen meine Freundinnen mich aus“ beeinflussen. Sie entscheidet sich bewusst gegen ihre eigenen Überzeugungen.

Nur wenn wir das Verhalten anderer in beobachten, können wir unser Verhalten anpassen. Dann können wir auch auf zwischenmenschliche Bedürfnisse eingehen.

Jeder unsere Mitmenschen, ob Partner, Freund, Mitarbeiter, Chef oder Kunde, hat Erwartungen an uns. Wenn wir spüren, in welchen Situationen sich der andere unwohl fühlt, können wir sein Verhalten beobachten und unser Verhalten anpassen. Spannungen werden abgebaut, der andere fühlt sich besser. Dies fällt umso schwerer, desto mehr wir uns vom anderen unterscheiden. 

Wenn du andere besser verstehst, gewinnst du sie für eigene Ideen und lebst erfolgreich mit ihnen zusammen. Persönliche Stärke ist kein Zufall! Es ist das Ergebnis eines klaren Blicks auf sich und andere. Wie kannst du deinen Blick schärfen? Darum geht es auch in nächsten Beiträgen.

Willst Du mehr über das Karussell der Charakter erfahren, komm immer mal wieder auf meiner Seite vorbei. Ich helfe Dir zu verstehen, wie einmalig jeder ist, wie du schnell erkennst, wie jemand tickt und wie Du an Deinen Stärken arbeitest.

Ich wünsche Dir einen tollen Tag.

Thorsten Uebler